Schräglage

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Roman: Der vernetzte Mensch, gefangen zwischen Alptraum und Wirklichkeit.
360 Seiten, Taschenbuch
ISBN 978-3-906347-58-5

Produktnummer: SW10063

Der Globalisierungsgegner Ernst Widermann findet heraus, daß der Staatsschutzdienst ihm auf den Fersen ist. Bei seinem Kampf um die Wahrheit muß er schließlich vor der Polizei fliehen.

Die Flucht endet in einem existentiellen Desaster, das ihm jedoch Einblicke hinter die verschwommenen Fassaden seines Daseins eröffnet. Er sieht sich plötzlich mit seiner Vergangenheit und auch mit seiner Zukunft konfrontiert, und das gleich in mehreren Variationen. Er hat jetzt die Wahl ...
Ein fesselnder, vielschichtiger Wendezeitthriller mit spiritueller Perspektive und einer guten Portion Humor.


Leseprobe

Anfang des Romans
Daß das Desaster mit einer Frau beginnen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte an einen Mann gedacht. An Männer. Kerle, die eines Tages vor seiner Haustür stehen würden, unauffällig bieder gekleidet, ihn freundlich, aber bestimmt auffordernd, mitzukommen.
Ernst Widermann war ein Mensch von etwas ungewöhnlichem Humor. Er lachte immer dort, wo sonst niemand lachte. Früher – als er es noch für notwendig erachtet hatte, mit Maria oder Laura oder allein ins Theater oder ins Kino zu gehen –, da hatte er nicht selten plötzlich laut heraus gelacht, obwohl es noch gar nicht lustig gewesen war. Die Zuschauer hatten sich dann nach ihm umgedreht, aber erst Sekunden später begriffen, warum da einer schon gelacht hatte.
Widermann litt unter der Fähigkeit, Pointen im voraus zu erraten. Er lebte seiner Zeit ein klein wenig voraus. Wenn etwa internationale Konzerne zusammenbrachen, die die Arbeiter ausbeuteten und die Umwelt schädigten, nun, da lachte er genauso, wie wenn aus lauter irrealer Angst Flüge gestrichen wurden. Und wenn sich die Zeichen wieder einmal mehrten, daß er einen globalen Börsencrash würde erleben dürfen, zeichnete sich auf seinen Lippen ein feines Lächeln ab, was Maria veranlaßte, sich zu fragen, was er denn nur für ein Mensch sei. Widermanns Humor beruhte aber nicht etwa auf gewöhnlicher Schadenfreude; vielmehr bezog er seine Ausdrucksberechtigung aus der schwer faßbaren Dimension des noch Ungeschehenen.
Widermann lebte mit Maria in einem geräumigen Haus am Rand einer großen Stadt. Das Haus hatte ihm sein Vater vererbt, mit der Bedingung, daß Maria dort lebenslanges Wohnrecht genieße. Widermann war noch heute davon überzeugt, daß er es dabei mit einem Racheakt seines Vaters zu tun hatte, denn das zwangsverordnete Zusammenleben mit der Haushälterin seiner Eltern kam in seinen Augen einer verspäteten, ultimativen Ohrfeige des Oberst Julius Widermann gleich – ihre politische Gesinnung hätte unterschiedlicher nicht gewesen sein können.
Nun war es aber beileibe nicht etwa so, daß er Maria nicht mochte. Die etwas rundliche und gutmütige, aber strenge Kalabresin hatte ihn, obwohl sie bloß ein paar Jahre älter war als er, in seinem Elternhaus gewickelt, großgezogen und ihm den Hintern versohlt, wenn sie es als notwendig erachtet hatte – selbstverständlich mit der Legitimation seiner Eltern. Sie waren sozusagen gemeinsam groß geworden. Maria war für ihn zu einer älteren Schwester herangewachsen, später zu einer strengen und liebenden Mutter, da seine leibliche oft abwesend gewesen war, und heute fand er keine Bezeichnung, die treffend beschrieben hätte, was sie ihm bedeutete.
Trotz ihres notariell verbuchten Rechts, auf Lebzeiten in seinem Haus zu wohnen – freilich ohne die vertragliche Bestimmung, dem Erben des Hauses weiterhin zu Diensten zu stehen –, führte sie nach dem Tod seiner Eltern fort, was sie ein halbes Leben lang getan hatte. Noch heute mußte der Alleinerbe der Widermanns immer wieder feststellen, daß er wie in früheren Jahren von einer älteren Schwester verwöhnt, von einem Kindermädchen umsorgt, von einer Erzieherin gerügt und von einer Mutter getadelt, bewundert und gelobt wurde.
Was nun das emotionale Verhältnis der beiden anbelangte, so hatten sich durch das enge Zusammenleben gewisse Abnutzungserscheinungen eingestellt, wie sie auch kinderlos gebliebenen Ehepaaren in der zweiten Hälfte des Lebens oftmals nicht erspart bleiben. Mit anderen Worten: Widermann betrachtete sich als mit Maria unglücklich verheiratet.
(Anfang bis S. 7)
Es war ein sonniger Maimorgen. Widermann saß in seinem Arbeitszimmer und ließ die Zeitung, die er eben überflogen hatte, in einer Art und Weise auf den Schreibtisch sinken, die leicht erkennen ließ, daß ihm sein Humor abhanden gekommen war, ja daß er um Fassung ringen mußte.
Er zog die Beine vom Schreibtisch, griff nach der Zeitung und trennte vorsichtig jene Seite heraus, die er soeben gelesen hatte. Schon nach dem Überfliegen der ersten Zeilen war ihm nicht nur klar geworden, daß George Orwell mit seinem Roman «1984» ein Hellseher gewesen sein mußte, sondern auch, daß er jetzt jenen Schritt wagen würde, den er schon seit einiger Zeit im stillen vorbereitet hatte, egal was die Folgen sein würden. Weil seine Ausführung zunächst nur mit einer minimen physischen Anstrengung verbunden war, hätte sie sich eigentlich mit einer gewissen spielerischen Nonchalance begehen lassen können – und trotzdem zitterte seine Hand ein wenig, als er nach der Maus griff und den Doppelklick auslöste. Nun war sein Manifest im Netz und somit jedermann zugänglich.
Die Aktion, zu der ich mich hinreißen lasse, ist vielleicht ein Spiel mit dem Feuer, dachte er, verwarf den Gedanken aber sofort wieder und beobachtete, wie sich seine Website auf dem Display auszubreiten begann:
DER SANFTE TERRORIST
«An alle, die wissen möchten», war da zu lesen, «warum und wie sie das exponentiale Wachstum ihres Kapitals und dasjenige der «global free radicals» synchron zum Kollabieren bringen können und – pardon – müssen. …»
Wieso sollte er denn nicht jenes Instrument, das er als die größte Gefahr für die Menschheit ansah, als taktische Waffe zur Verbreitung seiner symbolisch gedachten Wirtschaftsterror- attacke benutzen – das Internet? Diejenigen, denen der Plan der Totalüberwachung dieses Planeten durch das Internet nichts Neues war – davon war Widermann überzeugt –, würden die folgenden Seiten ohnehin lesen. Doch er mußte die Banker, die Broker, die Unterhundwerkzeuge der unersättlich gierigen, mächtigen Wirtschafts- und Finanzdiktatoren ebenso erreichen wie den einfachen Arbeiter, der als humanoides Schmiermittel im Getriebe des globalen Wirtschaftswahns fungierte, der einer stumpfsinnigen Arbeit nachging, ohne sich über die seelischen und ökologischen Folgen seiner Arbeit und seines Produktes im klaren zu sein. Kurz, er wollte Menschen erreichen, die kaum einen Fuß über die Schwelle eines guten Buchladens setzten, die aber dennoch täglich stundenlang im Internet nach etwas Ausschau hielten, was ihnen die abgrundtiefe Leere und Sinnlosigkeit ihres scheinbar bedeutungslosen Daseins kurzfristig vertrieb.
Widermann lehnte sich in seinem Sessel zurück, atmete tief durch, schloß die Augen und sprang auf einem holprigen Gedankenpfad zurück in den Herbst des Jahres 2001. Maria war an jenem Tag, der die Welt verändern sollte, in sein Arbeitszimmer gestürzt und hatte ihm haspelnd und außer sich mitgeteilt, was soeben in New York passiert war. Er aber hatte ruhig weitergeschrieben. Erst Stunden später war er vom Fernseher weg in die Toilette gelaufen und hatte gespien. Und jetzt, nach der Lektüre dieser Zeitungsmeldung, rieselte ihm ein Schauer über den Rücken. Gewiß war er nicht der einzige, der durch die unverfrorene Offenheit alarmiert war, mit der die Politiker heute morgen durch die Medien bekanntgaben, daß ab sofort sämtliche Bürger der EU-Staaten durch die Aufzeichnung ihrer Internetaktivitäten, ihrer E-Mails, Faxe und Telefon- gespräche der staatlichen Kontrolle unterworfen seien – zwecks «Bekämpfung des Terrorismus».
Das war natürlich nur ein Vorwand, da es nach den letzten Ereignissen kaum so unkluge Terroristen gab, die ihre Terrorattacken weiterhin übers Handy oder übers Internet planten. In Wahrheit ging es darum, die Bevölkerung zu überwachen und ganz legitim Benutzerprofile erstellen zu können, zwecks Optimierung des Wirtschaftswachstums, das stand für Widermann fest. Aber natürlich war er nicht so naiv zu glauben, daß sein Aufruf die Menschen tatsächlich veranlassen würde, in größerem Rahmen aktiv zu werden.
Es ging darum, praktisch nichts Nutzloses mehr zu kaufen, die Supermarktketten und Fastfood-Restaurants zu boykottieren und nur noch in Notfällen das Handy zu benutzen. Außerdem rief er die Bürger dazu auf, sich zu Gruppen zusammenzu- schließen und dem Staat mit Steuerverweigerung zu drohen, falls dieser nicht sofort bestimmte Gesetze erließe. Dazu gehörten ein Importverbot für Produkte aus Billiglohnländern und Futtermittel aus der Dritten Welt sowie eine Beschränkung von Subventionsmitteln auf Unternehmen, die streng nach humanen, tiergerechten und ökologischen Richtlinien produzierten.
Ferner regte er dazu an, Zellen des Tauschhandels aufzubauen, mit dem Ziel, die Konjunktur und letztlich die Wirtschaft des Überflusses so sehr zu schädigen, daß sie in nicht allzu ferner Zukunft zusammenbreche, in der Hoffnung, die Erde zumindest teilweise vor dem ökologischen und moralischen Kollaps zu bewahren.
Anhand historischer Fakten versuchte er aufzudecken, daß das seit dem frühen Mittelalter bestehende Zinssystem im Kern einen global gewordenen Akt des Betrugs darstelle, der gewinnorientiert nur so lange funktioniere, wie er immer wieder zusammenbreche und viele Menschen um ihr Kapital bringe.
Doch eigentlich zweifelte er daran, daß sein Gejammer um diese verderbte, böse Welt jemanden ernsthaft interessieren könnte, am wenigsten diejenigen, die es am meisten anging. Aber sein Aufruf im Internet, so vermutete Widermann, könnte eine ganz andere Instanz auf den Plan rufen: jene nämlich, die gar kein Interesse daran haben dürfte, daß sich solches Gedankengut unter der durch Finanz- und Wirtschaftsskandale erbosten Bevölkerung verbreitete, geschweige denn, daß es sich in die Praxis umsetzte. Denn der Aufruf war nicht von dem Schutzmantel der künstlerischen Meinungsfreiheit umgeben, wie dies üblicherweise bei literarischen Fiktionen der Fall ist. Es handelte sich um ein wohl kindisches, aber bitterböses politisches Pamphletchen.
Doch sind nicht Kinder jene, dachte Widermann, die der Wahrheit hin und wieder ziemlich tief in die Augen schauen? Widermann wußte, daß er ein Kind war, ein böses Kind, das es nun einmal wissen wollte. Widermann wollte wissen, was es mit der Bekanntgabe von heute früh auf sich hatte. Er wollte den Staatsschutzdienst, den Nachrichtendienst oder wer oder was auch immer hinter der angekündigten Überwachung sämtlicher Kommunikationsmittel stand, prüfen. Daß er das damit verbundene Risiko massiv unterschätzte, ahnte er nicht. Widermann wähnte sich in einem urdemokratischen Staat.
(S. 11-15)
Aus Kapitel 4
... Widermann begab sich ins Wohnzimmer und ließ sich in seinen Fauteuil fallen. Gleich würde er sich an den Computer setzen und zu schreiben beginnen. Zuerst aber gedachte er, sich in der weißen Stille seines Wohnzimmers zu sammeln.
Wie eine warme Flüssigkeit umgab sie ihn, drang durch die Poren der Haut in sein Inneres, tränkte jede Faser mit ihrer beruhigenden Wirkung, floß in seinen Geist, in sein Denken vor, überzog die Bilder seines inneren Schauens mit einem weißen, seidigen Schimmer, bis er nach einer Weile das Gefühl bekam, selbst Teil dieser weißen Stille zu sein. Vielleicht empfand er sie bloß als weiß, weil in seiner Wohnung mehr oder weniger alles in Weiß gehalten war: der Flokatiteppich, die Wände, die Decke, die Sofagarnitur. Vielleicht assoziierte er die Stille auch mit Schnee, mit einer tief verschneiten Landschaft, worin jegliches Geräusch vom kalten, trockenen Weiß verschluckt wird.
Hatten nicht verschiedenste Dichter dem Schnee, diesem alles zum Erstarren bringenden Weiß, eine archetypische Rolle beigemessen – die des Todes nämlich? Oder hatten sie in ihm bloß ein Instrument zur Beschönigung, zum Weichzeichner einer harten, unwirtlichen, mit Kanten und Ecken, mit Steinen und Stacheln gespickten Welt gesehen? Ging es diesen Dichtern angesichts einer verschneiten Welt besser, weil deren Makel, deren Häßlichkeiten durch die weißen, gleichmäßigen Rundungen, die ihnen der Schnee verlieh, für eine Weile in Vergessenheit gerieten?
Widermann hielt mit seinen Gedanken plötzlich inne. Ein leichtes Gefühl des Schwindels strich durch seinen Kopf. Ihm war eben gewesen, als hätte ihn auf dem Polster seines Fauteuils etwas Unbekanntes nach rechts gezogen, so als hätte sich der Fauteuil zur Seite geneigt. Er rückte sich in seine vormalig aufrechte Lage, aber sogleich rutschte er wieder zur Seite.
Widermann schnupperte. Der seltsame Geruch von heute früh lag immer noch in der Luft. Ihm schien, er hätte sich sogar verstärkt. Eigenartig, dachte er, was kann denn hier drinnen schimmeln? War der schimmelige Geruch wohl der Grund, daß die Schnecke in sein Wohnzimmer …? Widermann sog die Luft vorsichtig durch die Nase ein und pustete sie im gleichen Moment angewidert aus. Hatte sich vielleicht in der Industriezone vor der Stadt ein Unfall ereignet? War in einer der Chemiefabriken wieder einmal eine harmlose Substanz ausgetreten, wie es im nachhinein meistens hieß, die nun in einer Wolke über die ersten Wohnquartiere zog? Litt er bereits an einer Vergiftung? War das der Grund seiner Gleichgewichts- störung? Aber dann hätte es bestimmt Alarm gegeben. Hatte er es vielleicht mit Auswirkungen der unzähligen Mobilfunk- antennen zu tun? Oder stimmte etwas mit der Statik des Bodens, des Hauses nicht mehr? Eine Senkung des Fundamentes gar? Denn ihm war tatsächlich, als ziehe ihn die Schwerkraft nach unten.
Er stand auf. Doch sogleich geriet er in Schräglage, was ihn augenblicklich veranlaßte, sein Gewicht vom linken auf das rechte Bein zu verlagern und sich an der Rücklehne des Fauteuils festzuhalten, da er das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Zutiefst erschrocken klammerte er sich an der Lehne fest und versuchte sich einen Moment zu fassen. Er wußte, daß es bloß drei mögliche Ursachen für seine mißliche Lage gab: entweder eine Störung seines Gleichgewichtsorganes, eine Vergiftungserscheinung durch eine entwichene Giftwolke, oder es mußte heute früh eine Senkung des Bodens unter dem Fundament seines Hauses stattgefunden haben. Letzterem würde er jetzt gleich nachgehen. Er ließ von der Fauteuillehne ab, tat einen Schritt nach vorn, zog das hintere Bein nach und setzte den Fuß ab. «Das darf doch nicht wahr sein!» rief er ungläubig. «Der Boden hat sich gesenkt. Der ist vollkommen schief … eine Schräge …»
In der Tat hatte er das Gefühl, als befinde er sich auf einer schiefen Ebene. Er spürte bei jedem Schritt die Kraft, die er aufwenden mußte, um die Steigung zu überwinden. Völlig verwirrt, sich an Stühlen, dem Salontisch und der Kommode festhaltend, stakste er auf den Gang zu, wo sich der große Wandschrank befand. Er öffnete ihn und zog eine Werkzeugkiste heraus. Dann entnahm er ihr eine Wasserwaage, ging vorsichtig, Schritt für Schritt zurück ins Wohnzimmer und trat vor die große Flügeltür. Dort begab er sich in die Hocke, zog den Teppich unter der Bodenleiste hervor und legte die Wasserwaage aufs Parkett. Die Blase in der Flüssigkeit pendelte sich ins Lot. Haargenau in der Mitte kam sie zum Stehen. Widermann kratzte sich am Kopf. An der Wasserwaage konnte es nicht liegen.
Er stand auf, öffnete die Terrassentür und ging hinaus. Die Luft roch nach Flieder und gemähtem Gras. Keine Spur eines chemisch anmutenden Gestanks. Natürlich wußte er, daß nicht alle chemischen Substanzen gleichermaßen stanken, nein, einige rochen ganz angenehm, nach Honig, nach Mandeln oder nach gedämpftem Lauch, aber gerade die waren gefährlich.
Erst jetzt merkte er, daß der Boden der Terrasse gerade war. Er ging ein paar Schritte, blieb stehen, atmete tief durch und stellte erleichtert fest, daß sein Schwindel bereits wieder am Abklingen war. Er drehte sich um und warf einen Blick durch die geöffnete Tür ins Wohnzimmer. Der Boden sah aus wie immer. Nichts, was darauf hingedeutet hätte, daß er abgesunken wäre. Genausowenig wies die Fassade irgendwelche Anzeichen einer Veränderung auf: keine Risse, kein abgeblätterter Verputz, nichts.
Eine Viertelstunde später waren das Obergeschoß – ein paar leere, unbewohnte Räume – und der Keller inspiziert. Auch dort hatte er nichts Außergewöhnliches entdeckt. Die Böden im Obergeschoß und die des Kellers schienen in Ordnung zu sein. Es ging sich auf ihnen wie immer. Doch die Annahme, er sei eben einer Art physischer Halluzination unterlegen, erwies sich beim erneuten Betreten des Erdgeschosses als falsch. Sämtliche Räume, von der Garderobe über den Gang, vom Wohnzimmer bis zur Küche, vom Schlafzimmer bis zum Arbeitsraum, einschließlich des Bades, der Toilette und des Gästezimmers, vermittelten beim Betreten den Eindruck, als seien die Böden schief.
Frau Zula, die er sofort mit diesem unbegreiflichen, eigentlich unmöglichen Phänomen konfrontierte, stellte zu seiner Beruhigung fest, daß es ihr genauso erging, was bedeutete, daß mit seinem Gleichgewichtssinn alles in Ordnung war. Wenigstens diese Sorge war er los. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, daß mit seinem Haus oder doch zumindest mit dem Erdgeschoß etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte damals beim Bau eine unentdeckt gebliebene Wasserader sein Haus unterspült, ein Reservoir gebildet und nun das Terrain, auf dem das Haus stand, zum Absinken gebracht. Das würde auch den seltsamen Geruch nach Schimmel erklären, der wahrscheinlich an den Grundmauern hochkroch und die Schnecke angelockt hatte. Aber gleichzeitig bedeutete das, daß sie sich alle, mitsamt dem Haus, in großer Gefahr befanden. Das Haus konnte jederzeit einstürzen. Er mußte jetzt unverzüglich das Tiefbauamt informieren, die geologische Abteilung oder besser noch das Amt für Statik. Fachleute mußten der Sache auf den Grund gehen.
(S. 58-62)

Leserkommentare

Super!
Leserkommentar vom 24. August 2003:
Frank Demenga läßt seine Romanfigur Ernst Widermann mit Biß und Humor agieren. Schon der Nachname verspricht, daß Herr Widermann (wider=gegen) nicht so ohne weiteres alles schluckt, was der Staat ihm vorgaukelt. Er macht sich seine eigenen Gedanken über den Zustand des Staates und der Wirtschaft und kommt zu dem Schluß, daß nicht der Staat, sondern die Wirtschaft das Land regiert. Als er dies via Internet bekanntgibt, wird er schnell darüber belehrt, daß Demokratie und freie Meinungsäußerung auch nicht das sind, was sie versprechen....
Gut gelungen ist dem Autor auch die Figur der Maria, der Haushälterin des Ernst Widermann, die dieser von seinen Eltern «geerbt» hat.
Bei «Schräglage» handelt es sich nicht um einen Roman, der sich in ein bestimmtes Genre pressen läßt. Er ist einzigartig und unbedingt lesenswert!
Geniale Lektüre
Leserkommentar von Christian K., Basel (Juli 2008):
Vielen Dank für diese geniale Lektüre von Herrn Demenga. Ich finde das Buch außerordentlich gut. Anfänglich ist es etwas mühsam zu lesen, aber ungefähr ab Seite 150 wird es extrem spannend. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mir dieses Buch bei Ihnen zu bestellen. (...) Ich hoffe für Herrn Demenga, dass sich sein Buch gut verkauft. Es trifft den Nerv der Zeit für aufmerksame, kritische und spirituell suchende Menschen. Ich habe es noch nicht ganz zu Ende gelesen, aber habe es schon wärmstens weiterempfohlen.

Autor "Demenga, Frank "
1958 – Geburt.
1974 – Belegung diverser Vorkurse an der Kunstgewerbeschule Bern.
1975 – Dreijährige Mitarbeit als Puppenspieler bei der Wanderbühne seiner Schwester Monika Demenga.
1978 – Ausbildung zum Schauspieler an der Schauspielschule Bern.
1981 – Erstes Engagement am Stadttheater Bern.
1983 – Umzug aufs Land als freischaffender Schauspieler (Kleintheater, Funk, TV); Selbstversorger und Kunstmaler (Ausstellungen in Bern); längere Reisen nach Sri Lanka, Indonesien und Thailand.
1988 – Eröffnung des ersten Restaurants in Bern, das bis um vier Uhr morgens exotische Speisen anbot (Clandestino).
1989 bis 2003 – Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses Zürich.

Weitere Veröffentlichungen:
«Fat-ex» Roman. (Zytglogge-Verlag, 1999); als Taschenbuchausgabe mit dem Titel «Pasta Mortale» (Bastei-Lübbe-Verlag)


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Demenga, Frank
1958 – Geburt.1974 – Belegung diverser Vorkurse an der Kunstgewerbeschule Bern.1975 – Dreijährige Mitarbeit als Puppenspieler bei der Wanderbühne seiner Schwester Monika Demenga.1978 – Ausbildung zum Schauspieler an der Schauspielschule Bern.1981 – Erstes Engagement am Stadttheater Bern.1983 – Umzug aufs Land als freischaffender Schauspieler (Kleintheater, Funk, TV); Selbstversorger und Kunstmaler (Ausstellungen in Bern); längere Reisen nach Sri Lanka, Indonesien und Thailand.1988 – Eröffnung des ersten Restaurants in Bern, das bis um vier Uhr morgens exotische Speisen anbot (Clandestino).1989 bis 2003 – Mitglied im Ensemble des Schauspielhauses Zürich.Weitere Veröffentlichungen:«Fat-ex» Roman. (Zytglogge-Verlag, 1999); als Taschenbuchausgabe mit dem Titel «Pasta Mortale» (Bastei-Lübbe-Verlag)
REDUZIERT
Schräglage
Der Globalisierungsgegner Ernst Widermann findet heraus, daß der Staatsschutzdienst ihm auf den Fersen ist. Bei seinem Kampf um die Wahrheit muß er schließlich vor der Polizei fliehen. Die Flucht endet in einem existentiellen Desaster, das ihm jedoch Einblicke hinter die verschwommenen Fassaden seines Daseins eröffnet. Er sieht sich plötzlich mit seiner Vergangenheit und auch mit seiner Zukunft konfrontiert, und das gleich in mehreren Variationen. Er hat jetzt die Wahl ... Ein fesselnder, vielschichtiger Wendezeitthriller mit spiritueller Perspektive und einer guten Portion Humor.Leseprobe Anfang des Romans Daß das Desaster mit einer Frau beginnen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er hatte an einen Mann gedacht. An Männer. Kerle, die eines Tages vor seiner Haustür stehen würden, unauffällig bieder gekleidet, ihn freundlich, aber bestimmt auffordernd, mitzukommen. Ernst Widermann war ein Mensch von etwas ungewöhnlichem Humor. Er lachte immer dort, wo sonst niemand lachte. Früher – als er es noch für notwendig erachtet hatte, mit Maria oder Laura oder allein ins Theater oder ins Kino zu gehen –, da hatte er nicht selten plötzlich laut heraus gelacht, obwohl es noch gar nicht lustig gewesen war. Die Zuschauer hatten sich dann nach ihm umgedreht, aber erst Sekunden später begriffen, warum da einer schon gelacht hatte. Widermann litt unter der Fähigkeit, Pointen im voraus zu erraten. Er lebte seiner Zeit ein klein wenig voraus. Wenn etwa internationale Konzerne zusammenbrachen, die die Arbeiter ausbeuteten und die Umwelt schädigten, nun, da lachte er genauso, wie wenn aus lauter irrealer Angst Flüge gestrichen wurden. Und wenn sich die Zeichen wieder einmal mehrten, daß er einen globalen Börsencrash würde erleben dürfen, zeichnete sich auf seinen Lippen ein feines Lächeln ab, was Maria veranlaßte, sich zu fragen, was er denn nur für ein Mensch sei. Widermanns Humor beruhte aber nicht etwa auf gewöhnlicher Schadenfreude; vielmehr bezog er seine Ausdrucksberechtigung aus der schwer faßbaren Dimension des noch Ungeschehenen. Widermann lebte mit Maria in einem geräumigen Haus am Rand einer großen Stadt. Das Haus hatte ihm sein Vater vererbt, mit der Bedingung, daß Maria dort lebenslanges Wohnrecht genieße. Widermann war noch heute davon überzeugt, daß er es dabei mit einem Racheakt seines Vaters zu tun hatte, denn das zwangsverordnete Zusammenleben mit der Haushälterin seiner Eltern kam in seinen Augen einer verspäteten, ultimativen Ohrfeige des Oberst Julius Widermann gleich – ihre politische Gesinnung hätte unterschiedlicher nicht gewesen sein können. Nun war es aber beileibe nicht etwa so, daß er Maria nicht mochte. Die etwas rundliche und gutmütige, aber strenge Kalabresin hatte ihn, obwohl sie bloß ein paar Jahre älter war als er, in seinem Elternhaus gewickelt, großgezogen und ihm den Hintern versohlt, wenn sie es als notwendig erachtet hatte – selbstverständlich mit der Legitimation seiner Eltern. Sie waren sozusagen gemeinsam groß geworden. Maria war für ihn zu einer älteren Schwester herangewachsen, später zu einer strengen und liebenden Mutter, da seine leibliche oft abwesend gewesen war, und heute fand er keine Bezeichnung, die treffend beschrieben hätte, was sie ihm bedeutete. Trotz ihres notariell verbuchten Rechts, auf Lebzeiten in seinem Haus zu wohnen – freilich ohne die vertragliche Bestimmung, dem Erben des Hauses weiterhin zu Diensten zu stehen –, führte sie nach dem Tod seiner Eltern fort, was sie ein halbes Leben lang getan hatte. Noch heute mußte der Alleinerbe der Widermanns immer wieder feststellen, daß er wie in früheren Jahren von einer älteren Schwester verwöhnt, von einem Kindermädchen umsorgt, von einer Erzieherin gerügt und von einer Mutter getadelt, bewundert und gelobt wurde. Was nun das emotionale Verhältnis der beiden anbelangte, so hatten sich durch das enge Zusammenleben gewisse Abnutzungserscheinungen eingestellt, wie sie auch kinderlos gebliebenen Ehepaaren in der zweiten Hälfte des Lebens oftmals nicht erspart bleiben. Mit anderen Worten: Widermann betrachtete sich als mit Maria unglücklich verheiratet. (Anfang bis S. 7) Es war ein sonniger Maimorgen. Widermann saß in seinem Arbeitszimmer und ließ die Zeitung, die er eben überflogen hatte, in einer Art und Weise auf den Schreibtisch sinken, die leicht erkennen ließ, daß ihm sein Humor abhanden gekommen war, ja daß er um Fassung ringen mußte. Er zog die Beine vom Schreibtisch, griff nach der Zeitung und trennte vorsichtig jene Seite heraus, die er soeben gelesen hatte. Schon nach dem Überfliegen der ersten Zeilen war ihm nicht nur klar geworden, daß George Orwell mit seinem Roman «1984» ein Hellseher gewesen sein mußte, sondern auch, daß er jetzt jenen Schritt wagen würde, den er schon seit einiger Zeit im stillen vorbereitet hatte, egal was die Folgen sein würden. Weil seine Ausführung zunächst nur mit einer minimen physischen Anstrengung verbunden war, hätte sie sich eigentlich mit einer gewissen spielerischen Nonchalance begehen lassen können – und trotzdem zitterte seine Hand ein wenig, als er nach der Maus griff und den Doppelklick auslöste. Nun war sein Manifest im Netz und somit jedermann zugänglich. Die Aktion, zu der ich mich hinreißen lasse, ist vielleicht ein Spiel mit dem Feuer, dachte er, verwarf den Gedanken aber sofort wieder und beobachtete, wie sich seine Website auf dem Display auszubreiten begann: DER SANFTE TERRORIST «An alle, die wissen möchten», war da zu lesen, «warum und wie sie das exponentiale Wachstum ihres Kapitals und dasjenige der «global free radicals» synchron zum Kollabieren bringen können und – pardon – müssen. …» Wieso sollte er denn nicht jenes Instrument, das er als die größte Gefahr für die Menschheit ansah, als taktische Waffe zur Verbreitung seiner symbolisch gedachten Wirtschaftsterror- attacke benutzen – das Internet? Diejenigen, denen der Plan der Totalüberwachung dieses Planeten durch das Internet nichts Neues war – davon war Widermann überzeugt –, würden die folgenden Seiten ohnehin lesen. Doch er mußte die Banker, die Broker, die Unterhundwerkzeuge der unersättlich gierigen, mächtigen Wirtschafts- und Finanzdiktatoren ebenso erreichen wie den einfachen Arbeiter, der als humanoides Schmiermittel im Getriebe des globalen Wirtschaftswahns fungierte, der einer stumpfsinnigen Arbeit nachging, ohne sich über die seelischen und ökologischen Folgen seiner Arbeit und seines Produktes im klaren zu sein. Kurz, er wollte Menschen erreichen, die kaum einen Fuß über die Schwelle eines guten Buchladens setzten, die aber dennoch täglich stundenlang im Internet nach etwas Ausschau hielten, was ihnen die abgrundtiefe Leere und Sinnlosigkeit ihres scheinbar bedeutungslosen Daseins kurzfristig vertrieb. Widermann lehnte sich in seinem Sessel zurück, atmete tief durch, schloß die Augen und sprang auf einem holprigen Gedankenpfad zurück in den Herbst des Jahres 2001. Maria war an jenem Tag, der die Welt verändern sollte, in sein Arbeitszimmer gestürzt und hatte ihm haspelnd und außer sich mitgeteilt, was soeben in New York passiert war. Er aber hatte ruhig weitergeschrieben. Erst Stunden später war er vom Fernseher weg in die Toilette gelaufen und hatte gespien. Und jetzt, nach der Lektüre dieser Zeitungsmeldung, rieselte ihm ein Schauer über den Rücken. Gewiß war er nicht der einzige, der durch die unverfrorene Offenheit alarmiert war, mit der die Politiker heute morgen durch die Medien bekanntgaben, daß ab sofort sämtliche Bürger der EU-Staaten durch die Aufzeichnung ihrer Internetaktivitäten, ihrer E-Mails, Faxe und Telefon- gespräche der staatlichen Kontrolle unterworfen seien – zwecks «Bekämpfung des Terrorismus». Das war natürlich nur ein Vorwand, da es nach den letzten Ereignissen kaum so unkluge Terroristen gab, die ihre Terrorattacken weiterhin übers Handy oder übers Internet planten. In Wahrheit ging es darum, die Bevölkerung zu überwachen und ganz legitim Benutzerprofile erstellen zu können, zwecks Optimierung des Wirtschaftswachstums, das stand für Widermann fest. Aber natürlich war er nicht so naiv zu glauben, daß sein Aufruf die Menschen tatsächlich veranlassen würde, in größerem Rahmen aktiv zu werden. Es ging darum, praktisch nichts Nutzloses mehr zu kaufen, die Supermarktketten und Fastfood-Restaurants zu boykottieren und nur noch in Notfällen das Handy zu benutzen. Außerdem rief er die Bürger dazu auf, sich zu Gruppen zusammenzu- schließen und dem Staat mit Steuerverweigerung zu drohen, falls dieser nicht sofort bestimmte Gesetze erließe. Dazu gehörten ein Importverbot für Produkte aus Billiglohnländern und Futtermittel aus der Dritten Welt sowie eine Beschränkung von Subventionsmitteln auf Unternehmen, die streng nach humanen, tiergerechten und ökologischen Richtlinien produzierten. Ferner regte er dazu an, Zellen des Tauschhandels aufzubauen, mit dem Ziel, die Konjunktur und letztlich die Wirtschaft des Überflusses so sehr zu schädigen, daß sie in nicht allzu ferner Zukunft zusammenbreche, in der Hoffnung, die Erde zumindest teilweise vor dem ökologischen und moralischen Kollaps zu bewahren. Anhand historischer Fakten versuchte er aufzudecken, daß das seit dem frühen Mittelalter bestehende Zinssystem im Kern einen global gewordenen Akt des Betrugs darstelle, der gewinnorientiert nur so lange funktioniere, wie er immer wieder zusammenbreche und viele Menschen um ihr Kapital bringe. Doch eigentlich zweifelte er daran, daß sein Gejammer um diese verderbte, böse Welt jemanden ernsthaft interessieren könnte, am wenigsten diejenigen, die es am meisten anging. Aber sein Aufruf im Internet, so vermutete Widermann, könnte eine ganz andere Instanz auf den Plan rufen: jene nämlich, die gar kein Interesse daran haben dürfte, daß sich solches Gedankengut unter der durch Finanz- und Wirtschaftsskandale erbosten Bevölkerung verbreitete, geschweige denn, daß es sich in die Praxis umsetzte. Denn der Aufruf war nicht von dem Schutzmantel der künstlerischen Meinungsfreiheit umgeben, wie dies üblicherweise bei literarischen Fiktionen der Fall ist. Es handelte sich um ein wohl kindisches, aber bitterböses politisches Pamphletchen. Doch sind nicht Kinder jene, dachte Widermann, die der Wahrheit hin und wieder ziemlich tief in die Augen schauen? Widermann wußte, daß er ein Kind war, ein böses Kind, das es nun einmal wissen wollte. Widermann wollte wissen, was es mit der Bekanntgabe von heute früh auf sich hatte. Er wollte den Staatsschutzdienst, den Nachrichtendienst oder wer oder was auch immer hinter der angekündigten Überwachung sämtlicher Kommunikationsmittel stand, prüfen. Daß er das damit verbundene Risiko massiv unterschätzte, ahnte er nicht. Widermann wähnte sich in einem urdemokratischen Staat. (S. 11-15) Aus Kapitel 4 ... Widermann begab sich ins Wohnzimmer und ließ sich in seinen Fauteuil fallen. Gleich würde er sich an den Computer setzen und zu schreiben beginnen. Zuerst aber gedachte er, sich in der weißen Stille seines Wohnzimmers zu sammeln. Wie eine warme Flüssigkeit umgab sie ihn, drang durch die Poren der Haut in sein Inneres, tränkte jede Faser mit ihrer beruhigenden Wirkung, floß in seinen Geist, in sein Denken vor, überzog die Bilder seines inneren Schauens mit einem weißen, seidigen Schimmer, bis er nach einer Weile das Gefühl bekam, selbst Teil dieser weißen Stille zu sein. Vielleicht empfand er sie bloß als weiß, weil in seiner Wohnung mehr oder weniger alles in Weiß gehalten war: der Flokatiteppich, die Wände, die Decke, die Sofagarnitur. Vielleicht assoziierte er die Stille auch mit Schnee, mit einer tief verschneiten Landschaft, worin jegliches Geräusch vom kalten, trockenen Weiß verschluckt wird. Hatten nicht verschiedenste Dichter dem Schnee, diesem alles zum Erstarren bringenden Weiß, eine archetypische Rolle beigemessen – die des Todes nämlich? Oder hatten sie in ihm bloß ein Instrument zur Beschönigung, zum Weichzeichner einer harten, unwirtlichen, mit Kanten und Ecken, mit Steinen und Stacheln gespickten Welt gesehen? Ging es diesen Dichtern angesichts einer verschneiten Welt besser, weil deren Makel, deren Häßlichkeiten durch die weißen, gleichmäßigen Rundungen, die ihnen der Schnee verlieh, für eine Weile in Vergessenheit gerieten? Widermann hielt mit seinen Gedanken plötzlich inne. Ein leichtes Gefühl des Schwindels strich durch seinen Kopf. Ihm war eben gewesen, als hätte ihn auf dem Polster seines Fauteuils etwas Unbekanntes nach rechts gezogen, so als hätte sich der Fauteuil zur Seite geneigt. Er rückte sich in seine vormalig aufrechte Lage, aber sogleich rutschte er wieder zur Seite. Widermann schnupperte. Der seltsame Geruch von heute früh lag immer noch in der Luft. Ihm schien, er hätte sich sogar verstärkt. Eigenartig, dachte er, was kann denn hier drinnen schimmeln? War der schimmelige Geruch wohl der Grund, daß die Schnecke in sein Wohnzimmer …? Widermann sog die Luft vorsichtig durch die Nase ein und pustete sie im gleichen Moment angewidert aus. Hatte sich vielleicht in der Industriezone vor der Stadt ein Unfall ereignet? War in einer der Chemiefabriken wieder einmal eine harmlose Substanz ausgetreten, wie es im nachhinein meistens hieß, die nun in einer Wolke über die ersten Wohnquartiere zog? Litt er bereits an einer Vergiftung? War das der Grund seiner Gleichgewichts- störung? Aber dann hätte es bestimmt Alarm gegeben. Hatte er es vielleicht mit Auswirkungen der unzähligen Mobilfunk- antennen zu tun? Oder stimmte etwas mit der Statik des Bodens, des Hauses nicht mehr? Eine Senkung des Fundamentes gar? Denn ihm war tatsächlich, als ziehe ihn die Schwerkraft nach unten. Er stand auf. Doch sogleich geriet er in Schräglage, was ihn augenblicklich veranlaßte, sein Gewicht vom linken auf das rechte Bein zu verlagern und sich an der Rücklehne des Fauteuils festzuhalten, da er das Gleichgewicht zu verlieren drohte. Zutiefst erschrocken klammerte er sich an der Lehne fest und versuchte sich einen Moment zu fassen. Er wußte, daß es bloß drei mögliche Ursachen für seine mißliche Lage gab: entweder eine Störung seines Gleichgewichtsorganes, eine Vergiftungserscheinung durch eine entwichene Giftwolke, oder es mußte heute früh eine Senkung des Bodens unter dem Fundament seines Hauses stattgefunden haben. Letzterem würde er jetzt gleich nachgehen. Er ließ von der Fauteuillehne ab, tat einen Schritt nach vorn, zog das hintere Bein nach und setzte den Fuß ab. «Das darf doch nicht wahr sein!» rief er ungläubig. «Der Boden hat sich gesenkt. Der ist vollkommen schief … eine Schräge …» In der Tat hatte er das Gefühl, als befinde er sich auf einer schiefen Ebene. Er spürte bei jedem Schritt die Kraft, die er aufwenden mußte, um die Steigung zu überwinden. Völlig verwirrt, sich an Stühlen, dem Salontisch und der Kommode festhaltend, stakste er auf den Gang zu, wo sich der große Wandschrank befand. Er öffnete ihn und zog eine Werkzeugkiste heraus. Dann entnahm er ihr eine Wasserwaage, ging vorsichtig, Schritt für Schritt zurück ins Wohnzimmer und trat vor die große Flügeltür. Dort begab er sich in die Hocke, zog den Teppich unter der Bodenleiste hervor und legte die Wasserwaage aufs Parkett. Die Blase in der Flüssigkeit pendelte sich ins Lot. Haargenau in der Mitte kam sie zum Stehen. Widermann kratzte sich am Kopf. An der Wasserwaage konnte es nicht liegen. Er stand auf, öffnete die Terrassentür und ging hinaus. Die Luft roch nach Flieder und gemähtem Gras. Keine Spur eines chemisch anmutenden Gestanks. Natürlich wußte er, daß nicht alle chemischen Substanzen gleichermaßen stanken, nein, einige rochen ganz angenehm, nach Honig, nach Mandeln oder nach gedämpftem Lauch, aber gerade die waren gefährlich. Erst jetzt merkte er, daß der Boden der Terrasse gerade war. Er ging ein paar Schritte, blieb stehen, atmete tief durch und stellte erleichtert fest, daß sein Schwindel bereits wieder am Abklingen war. Er drehte sich um und warf einen Blick durch die geöffnete Tür ins Wohnzimmer. Der Boden sah aus wie immer. Nichts, was darauf hingedeutet hätte, daß er abgesunken wäre. Genausowenig wies die Fassade irgendwelche Anzeichen einer Veränderung auf: keine Risse, kein abgeblätterter Verputz, nichts. Eine Viertelstunde später waren das Obergeschoß – ein paar leere, unbewohnte Räume – und der Keller inspiziert. Auch dort hatte er nichts Außergewöhnliches entdeckt. Die Böden im Obergeschoß und die des Kellers schienen in Ordnung zu sein. Es ging sich auf ihnen wie immer. Doch die Annahme, er sei eben einer Art physischer Halluzination unterlegen, erwies sich beim erneuten Betreten des Erdgeschosses als falsch. Sämtliche Räume, von der Garderobe über den Gang, vom Wohnzimmer bis zur Küche, vom Schlafzimmer bis zum Arbeitsraum, einschließlich des Bades, der Toilette und des Gästezimmers, vermittelten beim Betreten den Eindruck, als seien die Böden schief. Frau Zula, die er sofort mit diesem unbegreiflichen, eigentlich unmöglichen Phänomen konfrontierte, stellte zu seiner Beruhigung fest, daß es ihr genauso erging, was bedeutete, daß mit seinem Gleichgewichtssinn alles in Ordnung war. Wenigstens diese Sorge war er los. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, daß mit seinem Haus oder doch zumindest mit dem Erdgeschoß etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte damals beim Bau eine unentdeckt gebliebene Wasserader sein Haus unterspült, ein Reservoir gebildet und nun das Terrain, auf dem das Haus stand, zum Absinken gebracht. Das würde auch den seltsamen Geruch nach Schimmel erklären, der wahrscheinlich an den Grundmauern hochkroch und die Schnecke angelockt hatte. Aber gleichzeitig bedeutete das, daß sie sich alle, mitsamt dem Haus, in großer Gefahr befanden. Das Haus konnte jederzeit einstürzen. Er mußte jetzt unverzüglich das Tiefbauamt informieren, die geologische Abteilung oder besser noch das Amt für Statik. Fachleute mußten der Sache auf den Grund gehen. (S. 58-62)Leserkommentare Super! Leserkommentar vom 24. August 2003: Frank Demenga läßt seine Romanfigur Ernst Widermann mit Biß und Humor agieren. Schon der Nachname verspricht, daß Herr Widermann (wider=gegen) nicht so ohne weiteres alles schluckt, was der Staat ihm vorgaukelt. Er macht sich seine eigenen Gedanken über den Zustand des Staates und der Wirtschaft und kommt zu dem Schluß, daß nicht der Staat, sondern die Wirtschaft das Land regiert. Als er dies via Internet bekanntgibt, wird er schnell darüber belehrt, daß Demokratie und freie Meinungsäußerung auch nicht das sind, was sie versprechen.... Gut gelungen ist dem Autor auch die Figur der Maria, der Haushälterin des Ernst Widermann, die dieser von seinen Eltern «geerbt» hat. Bei «Schräglage» handelt es sich nicht um einen Roman, der sich in ein bestimmtes Genre pressen läßt. Er ist einzigartig und unbedingt lesenswert! Geniale Lektüre Leserkommentar von Christian K., Basel (Juli 2008): Vielen Dank für diese geniale Lektüre von Herrn Demenga. Ich finde das Buch außerordentlich gut. Anfänglich ist es etwas mühsam zu lesen, aber ungefähr ab Seite 150 wird es extrem spannend. Ich hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, mir dieses Buch bei Ihnen zu bestellen. (...) Ich hoffe für Herrn Demenga, dass sich sein Buch gut verkauft. Es trifft den Nerv der Zeit für aufmerksame, kritische und spirituell suchende Menschen. Ich habe es noch nicht ganz zu Ende gelesen, aber habe es schon wärmstens weiterempfohlen.

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